Seit der Zwangsräumung einer 87-Jährigen Ende September in Madrid schwappt eine neue Protestwelle zum Thema Wohnen über Spanien. Sarah Bretschko berichtet aus Barcelona, warum die Wut zu Spaniens neoliberalen Wohnungsmarkt diesmal noch größer ist, und warum es auch in den kommenden Wochen brisant bleibt.
Maricarmen wurde 87 Jahre alt und lebte über 70 Jahre in einer Mietwohnung im Viertel Retiro in Madrid. Am 23. September wird sie zwangsgeräumt und verstirbt am 7. Oktober im Krankenhaus. Stunden bevor sie ihren neuen Mietvertrag unterschreiben sollte. Genau einen Monat zuvor, am 7. September, nimmt sich Olga mit 54 Jahren ihr Leben. Fünf Monate nachdem sie ihre Wohnung in Hospitalet del Llobregat in der barcelonesischen Peripherie verloren hat.
Die Zwangsräumung von Maricarmen bringt das ohnehin schon brodelnde Fass der spanischen Wohnungsbewegung zum Überlaufen. „No son muertos, son asesinatos!“ – „Das sind keine Tode, das sind Morde!“, rufe ich gemeinsam mit tausenden Protestierenden. Sie haben sich in der Woche nach Maricarmen’s Zwangsräumung auf den Straßen meiner Heimatstadt Barcelona versammelt. Wir – das sind Student*innen, Familien, Pensionisten, Jobsuchende und Berufstätige – rasseln mit unseren Wohnungsschlüsseln. Es ist ein metallisches Klimpern, das schnell zum charakteristischen Klang dieser Proteste geworden ist. Auf Schildern lese ich „Wir sind alle Maricarmen“ oder „Wohnungen zum Wohnen, nicht als Investition“. In Madrid gehen laut offiziellen Quellen 25.000 Personen auf die Straße. Laut bewegungseigenen Quellen sind es 300.000. Wenig später schlagen Aktivist*innen auf dem Plaza del Sol in Madrid und dem Plaça Catalunya in Barcelona Protestcamps mit 150 bis 350 Zelten auf. Sie erinnern an die 15M-Besetzungen von öffentlichen Plätzen in 2011.
Mehr als spontaner Unmut
Auf aufmerksame Leser*innen des Guardians, der CNN oder anderer internationaler Medien, die plötzlich auch über die Proteste berichten, wirkt das womöglich wie ein spontaner Protestaufschwung. Tatsächlich steckt dahinter eine hoch organisierte Bewegung. Sie mobilisiert schon seit Jahren zum Wohnungsthema. Unter dem Mieter*innen-Syndikat organisieren sich in sämtlichen spanischen Städten all jene, die von der Wohnungskrise betroffen sind.
Die spanischen Mietpreise haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Reallöhne dagegen stagnieren praktisch seit der Jahrtausendwende. Ohne unbefristete Mietverträge heißt das für viele Mieter*innen, dass sie sich nach Auslaufen eines Mietvertrags unmöglich eine Wohnung in derselben Gegend leisten können. Vor allem für ältere Menschen und Personen mit Kindern bedeutet das Prekarität. Maricarmen und Olga sind dabei keine Ausnahmefälle: Jede Woche rufen die Mieter*innen-Syndikate in Barcelona und Madrid zu mehreren kleineren Protesten gegen Zwangsräumungen auf. Das Ziel dieser Proteste ist, die Räumungen von Personen hinauszuzögern oder zu verhindern, die sonst ohne viele Chancen dem brutalen Wohnungsmarkt ausgeliefert wären.
Damit hilft und bemächtigt das Mieter*innen-Syndikat Betroffene der Wohnungskrise. Es konnte in den letzten Jahren einige Erfolge verzeichnen: 2025 wurde mit hartnäckigen Protesten die Räumung der Bewohner*innen eines Mietshauses in Barcelona verhindert. Der Investmentfond, der das Gebäude gekauft hatte, plante alle Mieter*innen loszuwerden. Die Wohnungen sollten in Kurzzeit-Ferienapartments verwandelt werden. Im selben Jahr gingen in Barcelona 100.000 Menschen für einen fairen Wohnungsmarkt und gegen Immobilienspekulation durch internationale „Geierfonds“ auf die Straße. Jetzt ist die Lage aufgeheizter denn je. Nach Maricarmens Räumung versprach der spanische Regierungspräsident Pedro Sánchez ein neues Dekret zu Wohnungsthemen. Es sollte unter anderem die Räumung von besonders vulnerablen Personen erschweren. Die rechtsextreme Partei Vox stürzte das Dekret. Am 5. Oktober rief Sánchez darüber Neuwahlen aus. Sie werden am am 29. November stattfinden. Wohnen zeichnet sich als das entscheidende Thema dieser Wahlen ab.
Am Weg zum Generalstreik
Ein Protestruf wiederholt sich immer lauter in den anhaltenden Demonstrationen zum Wohnthema. „Vaga, Vaga, Vaga General!“ – „Streik, Streik, Generalstreik!“, rufen die Demonstrant*innen. Seit 19. Oktober ist es offiziell: Mit Unterstützung aller wichtigen Gewerkschaften ruft das Mieter*innen-Syndikat zum Generalstreik am 11. November auf. Es ist Spaniens erster Generalstreik seit 2012. Die Forderungen der Gewerkschaften stellen die Logik des neoliberalen Wohnungsmarkt auf den Kopf: Unter anderem sollen Mietpreise gedeckelt und von der Marktlogik entkoppelt und Zwangsräumungen von Personen ohne alternative Wohnmöglichkeiten verboten werden. Außerdem verlangt das Syndikat eine Aufstockung des Gemeindebaus. Finanziert werden soll der Ausbau durch eine Reichensteuer, sowie die Enteignung und Vergesellschaftung von Wohnungen, die jetzt im Besitz von Banken und Investmentfonds sind.

Die Vorbereitungen für den Generalstreik laufen auf Hochtouren. „Wir wollen, dass es ein historischer Tag wird. Dafür ist es wichtig, dass sich alle effektiv in die Vorbereitungen einbringen können“, so Enric Aragonès – Sprecher des Mieter*innen-Syndikats in Barcelona – bei der Öffunung der „Casa de la Vaga“. Das „Haus des Streiks“ öffnete am 19. Oktober im Zentrum der Stadt in einem historischen Gebäude der Hauptuniversität Barcelona seine Türen. Es soll in den Wochen bis zum 11. November als organisatorischer Stützpunkt für die Vorbereitungen des Streiks fungieren. In sämtlichen Nachbarschaften treffen sich zudem mehrmals wöchentlich neu etablierte Streik-Komitees. Sie organisieren kontextspezifische Öffentlichkeitsarbeit und Aktionen. Aragonès zeigt sich zuversichtlich: „Ganz klar wird der Streik alle Erwartungen übertreffen, wie auch die Demonstrationen in den vergangenen Wochen.“
Wohnen als Klassenkampf
Beim Streik geht es aber nicht nur um Wohnthemen. Der zweite Teil der Forderungen beinhaltet eine Erhöhung des Mindesteinkommens und eine Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden pro Woche. Wohnen ist für die spanische Mieter*innen-Bewegung auch eine Klassenfrage. „Wir haben es satt, nicht über die Runden zu kommen, wenn jeden Monat die Hälfte unseres Gehalts für die Miete verschwindet“, so Montse Sánchez – Sprecherin der katalanischen Abteilung der Gewerkschaft CGT – bei einer Pressekonferenz zum Streik. Immer wieder betont die Bewegung, dass es nicht nur um zu viel Nachfrage und fehlenden Wohnraum geht. Viel grundlegender kämpft sie dafür, dass Wohnen als Grundrecht behandelt wird – anstatt als Investitionsgut, an dem sich einige wenige Großbesitzer bereichern.
Genau so wie Olga und Maricarmen keine Ausnahmefälle sind, so ist der Wohnungskampf in Spanien kein neues Thema. In einem Land, dessen wirtschaftliches Modell sich schon seit Jahrzehnten auf Immobilienspekulation, Bauwesen und Tourismus stützt, in dem sozialer Wohnbau weniger als 2% des Wohnmarkts ausmacht – zum Vergleich: in Österreich sind es 24% –, spürt eine große Anzahl von Mieter*innen den Druck der steigenden Prekarität am eigenen Leib. Viele meiner Freund*innen und Bekannten haben die 15M-Besetzungen miterlebt. Sie, sagen, dass sie die jetzigen Proteste und Besetzungen an die Hoffnung dieser Zeit erinnern. Und doch setzten sie an einem anderen Startpunkt an. Das nicht zuletzt, weil sich im Vergleich zu den immer wieder aufwallenden Protesten der letzten Jahre zum ersten Mal sämtliche Akteure hinter ein Manifest geteilter Forderungen stellt. Forderungen, die Wohnen tatsächlich zu einem Grundrecht machen könnten.
„Ich wünschte Olga, hätte das gesehen“
„Ich wünschte, Olga hätte das gesehen“, sagt eine Freundin, mit der ich an einem regnerischen Oktoberabend das Protestcamp am Plaça Catalunya in Barcelona besuche. An die hundert Personen sitzen am Boden im Kreis und planen eine Demonstration für den nächsten Tag. Es ist eine Mischung von jungen Student*innen, routinierten Aktivist*innen und Organisator*innen vom Mieter*innen-Syndikat in gelben Westen. Dazu kommen Neugierige – angelockt von der medialen Aufmerksamkeit des Camps. Olga und Maricarmen wohnten zwar allein in ihren Mietwohnung – aber sie waren auch Nachbar*innen, Teil einer Gemeinschaft. Hinter ihnen versammelt sich nun eine immer stärkere, immer breiter aufgestellte Bewegung, die das Gefühl vermittelt, dass es in diesem Kampf etwas zu gewinnen gibt.
Titelbild: Barcex, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons