Mit dem zunehmenden Rechtsruck ziehen auch Zeitungen nach, um ihre Leser*innen mit rassistischen Schlagzeilen zu gewinnen. In der neuen Medienrauschen-Kolumne zweifelt mosaik-Redakteurin Agnes Sieben die Möglichkeiten guter Diskurse an, wenn Inhalte über Schlagzeilen vermittelt werden.
In einer politischen Debatte im Freundeskreis wurde ich kürzlich in meiner Unwissenheit entblößt. Den Nachfragen zu meinem Einwurf war ich nicht gewachsen – ich hatte mal wieder am Morgen nur schnell die Headlines meiner Nachrichten-App überflogen. Wie meist im Alltag, wenn ich nicht wie am Wochenende in Ruhe eine Zeitung auf Papier in den Händen halte. Nur selten reicht meine Konzentration am Bildschirm aus, um mich auf den Artikel einzulassen. In Diskussionen ertappe ich mich dann manchmal dabei, wie ich aktuelle Themen einbringe, bei denen sich mein Wissen auf die paar Wörter des Titels, vielleicht noch den Vorspann, beschränkt. All die Gedanken, die die News in meinem Kopf ausgelöst haben, basierten also auf Halbwissen oder Assoziationen, Vorurteilen und Emotionen.
Schlagzeilen wie Schläge der Rechten
Besonders bitter wurde mir das bewusst, als viele Zeitungen im Juli dieses Jahres per Liveticker die Ankunft junger Menschen in Ceuta dokumentierten. Mir als Schlagzeilenleserin blieben die „Migrantenmassen” des „Migrantenansturms” im Gedächtnis.
Gäbe es eine Abstimmung über die Tabuisierung des M-Worts in den Medien, würde ich dafür stimmen. Natürlich eine naive Vorstellung, dass durch Sprachpolitik allein der Rassismus verschwindet, der bei der Verwendung dieses Wortes in den Medien – nicht als Selbstbezeichnung – immer mitschwingt. Historisch lösten sich Gastarbeiter*innen, Ausländer*innen und Migrant*innen nacheinander im medialen Diskurs als ein Synonym der Bedrohung ab. Die rassistischen Implikationen blieben. Der Rechtsruck der letzten Jahre verstärkt diese negativen Assoziationen mit dem Begriff.
Trotzdem ist es kein Zufall, dass das Wort „Migranten” das Wort „Flüchtlinge” im medialen Diskurs größtenteils verdrängt hat. Mit der zunehmenden Abschottung der EU wurden im politischen und medialen Diskurs Flüchtlinge – also Menschen, die gemäß Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention aufgrund eines Verfolgungsgrundes schutzberechtigt sind – zunehmend pauschal als Migrant*innen bezeichnet. Laut der UNHCR sind Migrant*innen Menschen, die ihre Heimat üblicherweise freiwillig verlassen, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern; sie sind demnach nicht schutzberechtigt. Da diese Menschen in Europa nur selektiv gewollt sind – vor allem Christ*innen im Gesundheits- und Pflegewesen – wird die journalistische Verwendung von „Migrant” in diesem Moment zu einer direkten Klassifizierung: in nicht Anspruchsberechtigte, in Illegale, in gefährliche Massen.
Diese Menschen sind junge, vielleicht hoffnungsvolle und mutige, vielleicht aber auch einfach unvernünftige Menschen – wie die meisten in diesem Alter. Nur haben sie verdammt viel mehr Sorgen als deine Geschwister und Kinder. Sobald sie in den europäischen Mediendiskurs geraten, werden sie zu einer homogenen Masse von Migrant*innen. Die Verknüpfung mit Metaphern von Naturkatastrophen verstärkt diese Entmenschlichung zusätzlich: Es geht nicht mehr um einzelne Identitäten, sondern um eine abzuwehrende Katastrophe – so, als gelte es, die Folgen einer Flutkatastrophe, von Schlammmassen und Unwetter zu begrenzen.
Nachdem ich die Schlagzeilen überwunden hatte, fand ich im Text dann doch auch Menschen, manchmal auch Jugendliche, Tote und Verzweifelte. Warum also diese Wortwahl im Titel – die sich, ob ich will oder nicht, längst in mein Sprachgedächtnis eingeschrieben hat?
Im Namen der Suchmaschinenoptimierung
Ein guter Titel ist eine journalistische Herausforderung. Innerhalb der mosaik-Redaktion geben wir uns regelmäßig Feedback zu unseren Veröffentlichungen. Dabei wird der Titel am häufigsten kritisiert: zu lang, zu sperrig, zu fad. Dabei verfügt die Website ohnehin über ein Plugin, das Texte im Hinblick auf Suchmaschinenoptimierung (SEO) testet. Um die Auffindbarkeit in Suchmaschinen zu verbessern, wird unter anderem ein aussagekräftiges Keyword für den Text gewählt, das Leser*innen vermutlich am ehesten in die Suchmaschine eingeben würden. Dieses Keyword sollte häufig und sichtbar im Text platziert werden. Kommt es nicht im Titel oder Untertitel vor, oder mehrmals im Text, oder ist der Titel zu lang – schaut uns ein roter, trauriger Smiley entgegen. Beim Veröffentlichen stellt sich dann immer die Frage: Wie sehr zwängt man den Text in das Muster der SEO? Wie viel Inhalt und Überzeugung kann ich aufgeben, um Aufmerksamkeit zu bekommen?
Dabei muss ich zwangsläufig auch an die Medienkritik aus der letzten Ausgabe der an.schläge denken. Darin wird die ORF-Überschrift „Zustimmung zu queeren Menschen weltweit rückläufig“ kritisiert. Eigentlich fasst der ORF-Artikel nur die Ergebnisse einer internationalen Ipsos-Studie zusammen. Laut dieser Studie sind immer mehr Befragte der Ansicht, dass queere Menschen ihre Identität nicht offen zeigen sollten. Sophia Krauss, Autorin bei den an.schlägen, bemerkt dazu zu Recht empört: Was ist das für eine Überschrift? An welchem Punkt sind wir angelangt, dass wir über die Existenz von Menschen abstimmen können?
Verkaufsstrategie nach rechts
Der Missbrauch von Schlagzeilen ist im Boulevardjournalismus altbekannt und bestens erprobt. Ich habe jedoch das Gefühl, dass sich die Praxis durch den Verlust von Zeitungsabonnements und den damit einhergehenden Onlinewettbewerb auch in andere journalistische Bereiche verschoben hat. Ich empfinde eine starke Divergenz zwischen journalistischen – teilweise guten – Inhalten und der Notwendigkeit, in der Flut der Nachrichten durch provozierende Titel aufzufallen. Dabei werden Wörter verwendet, die schon für sich allein viele Assoziationen transportieren und dadurch emotionalisieren. Dahinter steht eine leser*innenorientierte Verkaufsstrategie nach rechts.
Gerade wenn die durchschnittliche Verweildauer beim Lesen nur wenige Sekunden beträgt, sollte man sich gut überlegen, welche Spuren ein Titel hinterlässt. Andere Zeitungen haben es bei der Berichterstattung über die Tage in Ceuta geschafft, anders zu titeln. Wie wäre es, auch mal die Grenze in den Mittelpunkt zu stellen – die seit Jahren mordet?
Am Ende dieses Textes scheitere ich dann wie immer an der Headline. Ich überlasse sie meinen Kolleg*innen in der Redaktion. Zum Glück – sie hat euch dazu gebracht, die Seite zu öffnen und diesen Text bis zum Schluss zu lesen.
Illustration: Hannah Krause
Alle weiteren Beiträge unserer Redaktionskolumne „Medienrauschen” findet ihr hier.